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Das Wahlrecht fĂĽr die Italienerinnen

Im Oktober 1944 schreibt die U.D.I. (Unione Donne Italiane) dem Comitato di Liberazione Nazionale, und bittet um UnterstĂĽtzung, damit die neue Regierung Italiens, die vorläufig nur im SĂĽden die Regierungsgewalt ausĂĽbt, den Frauen offiziell das Wahlrecht zuerkennt. „ Die italienischen Frauen meinen – sagt der Brief – , fĂĽr sich das Recht erworben zu haben, am öffentlichen Leben völlig gleichberechtigt teilzunehmen, nachdem sie durch die vom Faschismus verursachten Kriege hart gelitten haben und vor allem aufgrund des mutigen Kampfs fĂĽr die Befreiung, den das italienische Volk gegen den nationalsozialistischen und faschistischen UnterdrĂĽcker gefĂĽhrt hat. Während vier lange Kriegsjahre von den italienischen Frauen die gleichen Opfer und Risiken wie von den Frontkämpfer verlangt haben, hat der Kampf gegen die Nazifaschisten die volle und bewuĂźte Solidarität der Frauen mit den Kämpfern der inneren Front und mit den Partisanen erfahren und somit ihre Fähigkeit zur aktiven Mitarbeit am Wiederaufbau der Nation bewiesen.“

Tatsächlich bekamen die italienischen Frauen im darauffolgenden Februar das aktive und passive Wahlrecht, das sie bereits im 19. Jahrhundert verlangt hatten, – fast als letzte in Europa – und in der Zeit, als Norditalien noch von der deutschen Besatzung und der Repubblica di Salò regiert wurde. Die Regierung Badoglio erlieĂź eine Verordnung darĂĽber – es war kein Gesetz, und es folgte keine Debatte ĂĽber die neue Rolle der Frau im zukĂĽnftigen Staat, wie man es hätte erwarten können. Das Wahlrecht wurde den Frauen praktisch stillschweigend, als eine Art Kompensation fĂĽr die erlittenen Schmerzen und Belastungen während des Krieges, zuerkannt. Lediglich einige Zeitungen erwähnten das Ereignis. Ein Titel fällt diesbezĂĽglich auf: „ Werden jetzt die Frauen befehlen?“, eine Frage, aus der die alte BefĂĽrchtung spricht, daĂź Frauen, die nicht gehorchen, kommandieren wollen.

Die Art und Weise mit der den Frauen das Wahlrecht zugestanden wurde und die Argumentation, um dieses Recht einzufordern – aber warum mußten sie beweisen, daß sie es verdient hatten? (haben es vielleicht seinerzeit auch die Männer beweisen müssen?), ohne zu bedenken, daß die Forderung eines Rechtes schon für sich gesehen zeigt, zu seiner Ausübung befähigt zu sein, ist bezeichnend für den lautlosen Eintritt der italienischen Frauen in die politische Arena. Obwohl nur wenige Frauen Mitglied der Verfassunggebenden Versammlung waren, ist ihnen der Artikel der Verfassung geschuldet, der die Gleichheit der Geschlechter festschreibt, und die Stimmen der Wählerinnen hatten bei Wahlen stets ein beträchtliches Gewicht. Dies war gewiß ausschlaggebend für den Sieg der Democrazia Cristiana bei den ersten Wahlen des Jahres 1948; das aktive Wahlrecht der Frauen trug mit dazu bei, die Erste Republik zu formen und später ihr Ende zu besiegeln.

Man könnte den kontinuierlichen Verlust an Wählerstimmen für die DC durch die geringeren Sympathien seitens der Frauen erklären, wie es Paola Gaiotti De Biase 1986 tat (in der Sendung der RAI „Die Republik mit dem Substantiv männlich“), weil sich die neuen Generationen nicht mehr in der Rolle des Hausmütterchens nach katholischer Tradition sahen. Die Frauen haben immer in großer Zahl gewählt, doch sich viel seltener wählen lassen. Im Jahre 1948 waren es 7,7 % im Parlament und dies galt noch für 1985, während es heute 71 weibliche Abgeordnete bei 616 Abgeordneten sind.

Abgesehen von ihrer geringen Vertretung im Parlament wurden Frauen jedoch mittels vieler anderer Kanäle aktiv, die anzuführen zu lange wäre, bis hin zum massiven Druck der zweiten Frauenbewegung der siebziger Jahre; und wir sollen auch nicht vergessen, daß bereits seit der Einheit Italiens ein aktiver Feminismus existierte, der später durch den Faschismus erstickt wurde.

Diejenigen Gesetze des Codice Rocco (Gesetzbuch Rocco), die sich auf Frauen beziehen, wurden nacheinander, dankenswerterweise auch wegen ihrer Verfassungswidrigkeit, abgeschafft – dies haben Frauen angeschoben und in Gang gebracht, die zuvor die Erlaubnis eines Ehemannes benötigten, um arbeiten zu können, Freundschaften eingehen und eine Korrespondenz fĂĽhren zu dĂĽrfen usw. Man hatte auf sie gezählt als es darum ging, das Gesetz ĂĽber die Scheidung zu Fall zu bringen, doch das erste Volksreferendum brachte – indem es das Gesetz bestätigte – die wahre Situation im Lande ans Licht, dessen Frauen sich nun die Grundwerte freier Wahl und ZurĂĽckweisung von Zwang zu eigen gemacht hatten. 1975 wurde das neue Familienrecht verabschiedet, und das Gesetz zur Schwangerschaftsunterbrechung verdanken wir einer Volksinitiative von Frauen, was durch das nachfolgende Referendum bestätigt wurde. Im Zuge der Aufhebung der Rechtsvorschriften des Ehrenkodex in den achtziger Jahren und der 1996 aufgehobenen Gesetze ĂĽber sexuelle Gewalt des Codice Rocco (die, wir erinnern uns, als „Vergehen gegen die Moral“ und nicht gegen die Person tituliert waren), fanden nicht nur im Parlament, sondern in ganz Italien groĂźe Diskussionen statt, an denen viele aktive Frauen aus den verschiedensten Gruppierungen teilgenommen haben.

Doch heute – und es ist bezeichnend – erinnert sich kaum jemand daran, daĂź wir vor sechzig Jahren das Wahlrecht erhalten haben. Die Gelegenheit wäre gut, um die Situation der Frauen und ihre Beteiligung am politischen Leben zu umreiĂźen. DaĂź dieses wichtige Datum nicht zur Kenntnis genommen wird, scheint symptomatisch fĂĽr ein diffuses Unbehagen unter den Frauen zu sein, wie auch fĂĽr die auĂźerordentliche GleichgĂĽltigkeit der italienischen Regierung der Wiederkehr dieses Ereignisses gegenĂĽber (die wahrscheinlich nicht einmal beabsichtigt ist, sondern man hat es einfach vergessen oder es handelt sich um GeschichtslĂĽcken, was bei den zahlreichen anderen nicht verwunderlich ist). Machen wir es uns klar: in den letzten Jahren versuchen wir lediglich zu verteidigen, was wir uns an Freiheiten, Selbstbestimmungsrechten und einem breitgefächerten Angebot von Möglichkeiten glaubten errungen zu haben, von vorwärtsweisenden Schritten wagen wir gar nicht zu sprechen.

Das Gesetz über die Regelung der künstlichen Befruchtung, die nur bei Frauen angewendet werden kann, ist von einer männlichen Mehrheit verabschiedet worden. Wenn es dank vier Millionen gesammelter Unterschriften – in der Mehrzahl von Frauen – möglicherweise noch verbessert wird, so ändert dies nichts an der Situation unserer allgemeinen Machtlosigkeit auf gesetzgebendem Gebiet. Deshalb müssen auch die Frauen ihren Platz im „Club“ haben, da es nicht anzunehmen ist, daß sich eine männliche Mehrheit mit den Problemen des Privaten beschäftigt, die man ansonsten stets bequemerweise den Frauen aufgebürdet hat.

In Deutschland wurde in der Zwischenzeit davon Kenntnis genommen, daĂź der GeburtenrĂĽckgang wahrscheinlich in Zusammenhang mit der mangelnden staatlichen UnterstĂĽtzung fĂĽr Familien steht (zu sagen: fĂĽr „Frauen“ ist noch viel zu revolutionär, denn die Entscheidung, keine Kinder zu bekommen – nicht von etwa betrifft dies 40% der deutschen Frauen mit HochschulabschluĂź – , wird stets dem Paar zugeschrieben). Italiens – höherer – GeburtenrĂĽckgang scheint das Land nicht auĂźergewöhnlich zu beunruhigen, wenngleich wir den höchsten Anteil alter Menschen in Europa aufweisen. Damit die Themen von Problemlösung und Behandlung des Privaten in das Parlament Eingang finden, mĂĽssen wir präsent sein: aber dort sind von uns zu wenige, um ein Gewicht zu haben. Aber wo sind wir ? Wir sind in den Gemeindeverwaltungen, in den Projekten fĂĽr gleiche Rechte und Chancen, die Programme umfassen wie beispielsweise: – die Verbesserung von Serviceleistungen und Dienstzeiten einer Kommune, – die Planung und Realisierung der Vereinbarkeit von Ă–ffnungszeiten und privater Zeit, – die Auswertung der Erfahrungen von gender auditing und Kommunenbudgets, die aufzeigen, wieviel fĂĽr Frauen ausgegeben wird, – die konkrete Wahlfreiheit fĂĽr Frauen, was ihre Familien- und Berufsplanung angeht. Wir finden uns auch wieder in den „Girotondi“-(die „Ringelreihen“ zur Verteidigung der Institutionen, deren Freiheit von der jetzigen Regierung bedroht wird), die sogar von uns erfunden worden sind. Also, wir sind ĂĽberall dort, wo tagtäglich eine kontinuierliche und oft anonyme Arbeit geleistet werden muĂź.

Da dies nicht genĂĽgt, wollen wir neue Strategien entwickeln.

Deshalb haben wir das Treffen am 19. Februar in Frankfurt organisiert. Ausgehend vom Datum der Erweiterung des Wahlrechts (des aktiven, das passive kam bezeichnenderweise später) möchten wir über unsere Beteiligung an der Politik von 1945 bis heute sowohl in Italien als auch in den vorgesehenen Institutionen für die italienischen MigrantInnen und in den Gemeindeparlamenten der Bundesrepublik Deutschland nachdenken. Wir hoffen, daß ein Situationsbericht hilfreich ist, um sowohl neue Anregungen für ein Tätigwerden zu bekommen als auch um das Frauen-Netzwerk zu erweitern und effektiver zu machen, indem es vorgestellt und öffentlich gemacht wird.

Liana Novelli Glaab, Coordinamento Donne Italiane di Francoforte